Tipps gesunde Arbeit

Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen

Mit der Verankerung der Gefährdungsbeurteilung von psychischen Belastungen reagiert der Gesetzgeber auf die Zunahme psychischer Erkrankungen in Deutschland, auf die Veränderungen der Arbeitsorganisation und die zunehmende Komplexität und Verdichtung von Arbeitsinhalten.

Wie bei allen weiteren vorgeschriebenen Gefährdungsbeurteilungen, welche die Arbeitsumgebung, das Arbeitsmaterial sowie die Qualifikation und Befähigung betrachten, steht auch bei der psychischen Gefährdungsbeurteilung im Fokus, die Arbeitsbedingungen zu bewerten – und nicht etwa die psychische Gesundheit. Ziel ist es, psychische Belastungen zu identifizieren, die sich aus der Arbeitsorganisation (z.B. hohe Arbeitsintensität), der Arbeitstätigkeit (z.B. Umgebungsbelastungen) sowie aus sozialen Beziehungen (z.B. Zusammenarbeit mit Kollegen) ergeben können. Eine subjektive Bewertung des Verhältnisses zu Kollegen oder zur Führungskraft findet nicht statt. Die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen umfasst insgesamt vier Schritte, die im Folgenden beschrieben werden.

Es ist wichtig, aus den Ergebnissen konkrete Maßnahmen abzuleiten, um gesundheitsgefährdenden Einflüssen präventiv entgegenwirken zu können.  

Schritt 1: Die Vorbereitung

Nach den Empfehlungen der Gemeinsamen Deutschen Arbeitsschutzstrategie (GDA) soll sich das Vorgehen an dem allgemeinen Vorgehen von Gefährdungsbeurteilungen orientieren und in bereits bestehende Prozesse des Arbeitsschutzes integriert werden. Es empfiehlt sich, eine Steuerungsgruppe zu definieren, die den gesamten Prozess der psychischen Gefährdungsbeurteilung plant und begleitet und dabei die unternehmensspezifischen Bedingungen berücksichtigt. Im Corporate Center ist in diesem Arbeitskreis der Betriebsarzt, die Arbeitssicherheit, der Betriebsrat, die Schwerbehindertenvertretung und die Personalabteilung vertreten. Im gesamten Prozess ist außerdem eine transparente Kommunikation an alle Beteiligten entscheidend, z.B. zu Hintergrund und Nutzen, der geplanten Vorgehensweise und den geplanten Maßnahmen.

Schritt 2: Die Analyse

Um aufschlussreiche Ergebnisse generieren zu können, müssen zu Beginn der Befragung die Zielgruppe konkret festgelegt und Untergruppen gebildet werden, die hinsichtlich ihrer Tätigkeitsbereiche und psychischen Belastungen vergleichbar sind (z.B. Führungsverantwortung, Arbeit in der Kundenbetreuung). Diese Untergruppen werden entweder vollständig oder auf Basis repräsentativer Stellvertreter auf ihre psychischen Gefährdungen hin untersucht. Dabei haben sich sowohl schriftliche Befragungen als auch Beobachtungen der Arbeitsabläufe, Analyseworkshops oder Interviews mit Beschäftigten bewährt. Die entsprechenden Berufsgenossenschaften (BG) bieten häufig wissenschaftlich validierte Fragebögen sowie kostenlose und datenschutzkonforme Auswertungstools an. Im Corporate Center wurde bspw. eine freiwillige Online-Mitarbeiterbefragung mit 19 Fragen durchgeführt, die der Prüfliste der BG ETEM entsprachen.

Bereits vorhandene Informationen zu den ausgewählten Gruppen über psychische Belastungen (z.B. aus vorherigen psychischen Gefährdungsbeurteilungen oder Befragungen) geben Aufschluss auf prioritäre Bereiche, in denen die Analyse zunächst durchgeführt werden soll. So können bei Bertelsmann z.B. die dreijährige konzernweite Mitarbeiterbefragung, das jährliche Januargespräch oder Mitarbeitergespräche wie der Leistungs- und Entwicklungsdialog bereits wichtige Hinweise liefern.

Schritt 3: Die Maßnahmen

Nach der Befragung werden die Ergebnisse auf Handlungsbedarf beurteilt. Sollte die Auswertung ergeben, dass die Mitarbeiter durch ihre Tätigkeit psychisch belastet sind, müssen konkrete Maßnahmen zur Reduzierung dieser Belastungen abgeleitet werden. Die BG ETEM empfiehlt dabei, Workshops mit Mitarbeitern und Führungskräften des betreffenden Bereiches durchzuführen, in denen Verbesserungsmaßnahmen gemeinsam erarbeitet und geplant werden können.

Nach Umsetzung der Maßnahmen ist eine anschließende Wirksamkeitskontrolle wichtig, in der geprüft wird, ob die angestrebten Änderungen der Belastungssituation erzielt wurden. Dies kann durch die erneute Durchführung der Analyse, Kurzbefragungen, Workshops oder Kennzahlen (z.B. Anzahl der Unterbrechungen bei der Arbeit) gemessen werden. Bei negativen Ergebnissen sind die Maßnahmen weiterzuentwickeln bzw. neu aufzusetzen.

Schritt 4: Die Dokumentation

Der Gesetzgeber schreibt vor, dass die Gefährdungsbeurteilung umfassend dokumentiert wird. So müssen die Analyse, die Auswertungsergebnisse, die Erarbeitung von Maßnahmen sowie deren Durchführung und Wirksamkeitsüberprüfungen schriftlich festgehalten und mit Datum versehen werden.  

 

Die BG ETEM stellt Fach- und Führungskräften eine Orientierungshilfe zur Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen zur Verfügung, in der die einzelnen Schritte noch einmal nachgelesen werden können.

Da sich die Bedingungen in der Arbeitswelt stetig verändern, ist es wichtig, auch die Umsetzung der psychischen Gefährdungsbeurteilung in regelmäßigen Abständen auf ihre Aktualität zu prüfen. So kann die Anschaffung neuer Maschinen, die Einstellung von neuem Personal, die Erweiterung des Aufgabengebietes oder die Umstrukturierung von Arbeitsabläufen auch Einfluss auf die psychischen Belastungen der Beschäftigten haben.

Bei Fragen zur Umsetzung vor Ort berät und unterstützt Sie gerne der zentrale Betriebsärztliche Dienst oder Ihre Betriebliche Sozialberatung. Bei allgemeinen Fragen wenden Sie sich an das Bertelsmann Gesundheitsmanagement.

 

Weiterführende Informationen:          
Arbeitsschutzgesetz (2015): Gesetz über die Durchführung von Maßnahmen des Arbeitsschutzes zur Verbesserung der Sicherheit und des Gesundheitsschutzes der Beschäftigten bei der Arbeit  (Arbeitsschutzgesetz - ArbSchG). Verfügbar unter: http://www.gesetze-im-internet.de/arbschg/

BG ETEM (2014): Gemeinsam zu gesunden Arbeitsbedingungen. Hilfe zur Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen in Betrieben mit bis zu 10 Beschäftigten.  Verfügbar unter: https://www.bgetem.de/medien-service/medienankuendigungen/gemeinsam-zu-gesunden-arbeitsbedingungen  

Gemeinsame Deutsche Arbeitsschutzstrategie (GDA) (2014): Arbeitsschutz in der Praxis. Empfehlungen zur Umsetzung der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen. Berlin: GDA. Verfügbar unter: http://www.gda-portal.de/de/pdf/Psyche-Umsetzung-GfB.pdf?__blob=publicationFile&v=5