Tipps gesunde Arbeit

Präsentismus

Krank zur Arbeit: Ein Risiko- und Kostenfaktor für Unternehmen

Mitarbeiter, die trotz gesundheitlicher Beeinträchtigung zur Arbeit kommen, sind weniger leistungsfähig, machen vermehrt Fehler und unterliegen einer höheren Unfall- und Verletzungsgefahr. Bei akuten Infektionskrankheiten wie einem grippalen Infekt werden wahrscheinlich weitere Kolleginnen und Kollegen angesteckt. Außerdem setzt sich der Mitarbeiter selbst einem gesundheitlichen Risiko aus, da kleinere Beschwerden verschleppt werden und zu ernsthafteren oder gar chronischen Krankheiten führen können – die letztlich mit deutlich längeren Ausfallzeiten einhergehen. Studien zufolge ist z.B. das Herzinfarktrisiko bei „Präsentisten“ mittelfristig etwa doppelt so hoch wie bei Mitarbeitern, die im Krankheitsfall zuhause bleiben und sich auskurieren (Badura & Steinke 2011).

Man schätzt, dass die Kosten für Präsentismus und den entstehenden Produktivitätsverlust insgesamt dreimal höher sind als die Kosten, die durch Fehlzeiten verursacht werden (Hemp 2004). Diese Zahl macht deutlich, wie wichtig es ist, neben den teilweise nur schwer beeinflussbaren Fehlzeiten und krankgeschriebenen Mitarbeitern die Gesundheit der anwesenden Mitarbeiter im Blick zu behalten.

Menschen, die krank zur Arbeit kommen, könnten ihre Krankheit verschleppen oder ihre Kollegen anstecken.

Wie verbreitet ist Präsentismus?

Es handelt sich bei „Präsentisten“ keinesfalls um eine Randgruppe: Einer aktuellen repräsentativen Befragung zufolge sind über zwei Drittel (68 %) der Arbeitnehmer in Deutschland in den letzten zwölf Monaten zur Arbeit gegangen, obwohl sie „sich richtig krank gefühlt haben“. Im Durchschnitt arbeiteten die Beschäftigten 12,1 Tage trotz Krankheit, bei jedem Siebten war dies sogar für drei Wochen und mehr der Fall. Im Geschlechtervergleich berichteten vor allem Frauen häufig davon, die Genesung auf das Wochenende „vertagen“ oder ihre Freizeit zum Auskurieren zu nutzen, anstatt sich krank zu melden (DGB-Index Gute Arbeit 2016). Dabei sind Auszeiten bei Krankheit – ähnlich wie Pausen und Urlaub – entscheidend für den Erhalt der langfristigen Arbeitsfähigkeit (Steinke & Badura 2011).  

Warum gehen Menschen krank zur Arbeit?

Doch was steckt eigentlich hinter diesem Phänomen? Präsentismus kann durch verschiedene Faktoren beeinflusst werden – sei es persönlicher, gesellschaftlicher oder beruflicher Art (z.B. das Alter und Geschlecht, die Jobsicherheit und konjunkturelle Lage, die Unternehmenskultur oder der Umgang mit Fehlzeiten im Betrieb).

Die Entscheidung, trotz Krankheit zur Arbeit zu kommen, kann zum einen aus eigenen Antrieb, zum anderen aber auch aufgrund der Arbeitsbedingungen getroffen werden. Am häufigsten werden das eigene Pflicht- und Verantwortungsgefühl sowie die Solidarität und Rücksicht gegenüber Kollegen, die bei einem Ausfall die Mehrarbeit übernehmen müssten, als Gründe angeführt. Dies ist vor allem in Zeiten hoher Auslastung und Arbeitsintensität der Fall. Eine wichtige Rolle spielt außerdem die Angst vor Arbeitsplatzverlust oder erwartete berufliche Nachteile, z.B. im Hinblick auf eine Beförderung. Die Erfahrung zeigt auch, dass Beschäftigte im Zweifel eher zu Arbeit kommen, je angespannter die wirtschaftliche Lage des Unternehmens insgesamt ist (DGB-Index Gute Arbeit 2016; Steinke & Badura 2011).

Als Führungskraft spielen Sie eine entscheidende Rolle in der Vorbeugung und Reduktion von Präsentismus.

Was tun gegen Präsentismus?

Eine mitarbeiterorientierte Unternehmenskultur, die einen offenen und ehrlichen Umgang mit Gesundheit und Krankheit ermöglicht, kann Präsentismus vorbeugen. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen im Krankheitsfall ohne Angst und schlechtes Gewissen zuhause bleiben können.

Als Führungskraft spielen Sie hier eine entscheidende Rolle: Seien Sie ein Vorbild und nehmen sich selbst Auszeiten, wenn Sie sie brauchen und kurieren Krankheiten aus. Es ist wichtig, klare Signale an Ihre Mitarbeiter zu senden und ihnen die Unsicherheit zu nehmen, wie sie sich im Krankheitsfall verhalten zu haben. Sorgen Sie für ein positives und vertrauensvolles Betriebsklima und schätzen das Arbeitspensum und Ergebnis Ihrer Mitarbeiter realistisch ein. Ergänzende Angebote wie bspw. Seminare zur Achtsamkeit können dabei helfen, die Gesundheitskompetenz im Team zu stärken. Letztlich profitieren von einer Reduktion des Präsentismus alle – das Unternehmen, die Kollegen und der Mitarbeiter selbst.

Weiterführende Informationen:

Badura, B. & Steinke, M. (2011): Die erschöpfte Arbeitswelt. Durch eine Kultur der Achtsamkeit zu mehr Energie, Kreativität, Wohlbefinden und Erfolg! Gütersloh: Bertelsmann Stiftung.

DGB-Index Gute Arbeit (2016): Arbeiten trotz Krankheit. Wie verbreitet ist Präsentismus in Deutschland?

Hemp, P. (2004): Presentism: At work – but out of it. Havard Business Review.

Steinke, M. & Badura, B. (2011): Präsentismus. Ein Review zum Stand der Forschung. Dortmund: BAuA.